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Vorwort des Übersetzers

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Gespeichert von gerd am 21. Juli 2013 - 18:38

VORWORT DES ÜBERSETZERS.

Durch vorliegende Ausgabe sollen I. P. Pawlows „Vorlesungen über die Arbeit der Grosshirnhemisphären“, also dieses Mal eine systematische Darstellung der Lehre von den bedingten Reflexen, den deutsch lesenden wissenschaftlichen Kreisen zugänglich gemacht werden.

Der vorwärts drängende, suchende und forschende Geist I. P. Pawlows hat in der Zeit seit dem Erscheinen der ersten russischen Ausgabe dieses Buches rastlos am Ausbau des Gegenstandes weitergewirkt. Es sind in dieser A rbeit viele und mannigfaltige Versuchsergebnisse errungen, die den Boden unter bestimmten Ecksteinen des ganzen Geistesbaues gefestigt und gesichert haben. Das neue Tatsachenmaterial hat auch neue Ausblicke geschaffen und die bereits eingebürgerten Auffassungen, das angenommene Verstehen des Verlaufs der Nervenprozesse in mancher Hinsicht präzisiert und berichtigt. Alles Neue ist aber eine natürliche, durch Versuchsbefunde geleitete, Weiterentwickelung der bahnbrechenden Gedanken und der grundlegenden Auffassungen, die im vorliegenden Bande dargestellt sind, und daher bleibt, der vorliegenden, systematischen Zusammenfassung dieselbe grundlegende Bedeutung, die ihr 1927 bei ihrer ersten Veröffentlichung zukam.

Ich möchte nur auf zwei Punkte hinweisen, die hier, entsprechend dem Tatsachenbestand von 1927, als unerledigt dargestellt werden, die aber seither durch entsprechende Versuche geklärt worden sind. Es ist das, erstens, die Frage über die Versuche zur Helmholtzschen Resonanztheorie und, zweitens, die Frage über das Entstehen der sog. negativen bedingten Reflexe.

Beim Besprechen der Versuche Dr. Andreews zur Helmholtzschen Resonanztheorie gibt I. P. Pawlow an, dass „bisjetzt nur ein Versuch ausgeführt und die Untersuchung noch nicht beendigt ist“ (Seite 154). Und weiter, auf Seite 155 wird mitgeteilt, dass die histologische Untersuchung noch austehe. Gegenwärtig ist die Arbeit an zwei Hunden zu Ende geführt.

Die histologische Untersuchung der operierten Schnecken ist bei Professor Wittmack in Hamburg ausgeführt und hat ergeben, dass durch die Operationen jedes Mal die beabsichtigten Störungen des Cortischen Organs verursacht worden sind. So ist denn durch diese Versuche ein entscheidender Beweis für die Helmholtzsche Resonanztheorie erbracht. 

Was die negativen bedingten Reflexe anbetrifft, so äussert J. P. Pawlow im letzten Absatz der sechsten Vorlesung auf Seite 119, einige Bedenken gegen die Stichhaltigkeit meiner früheren Versuche zu dieser Frage. Ich habe es für meine erste Pflicht gehalten in meinem neuen Laboratorium für bedingte Reflexe am Charkow er Psychoneurologischen Institut, diese Versuche wieder aufzunehmen. Wir haben alle, durch neues Wissen nötig gewordenen Kontrollmassnahmen, sorgfältig durchgeführt, und früher unberücksichtigt gebliebene Hemmfälle in unsere Versuchsreihe aufgenommen. Diese neuen Versuche haben mit genügender Klarheit gezeigt, dass Reize, die früher in keinerlei spezieller Beziehung zu den Tätigkeiten des geg. Versuchstieres standen, gerade durch die Gleichzeitigkeit mit Hemmreizen eine dauernde und starke Hemmwirkung erlangen. So besteht denn in der Frage darüber, wie Reizen eine neue Hemmwirkung aufgeprägt wird, die Anschauung zurecht, wie sie Pawlow am Ende der sechsten Vorlesung gibt, und die weiteren Zweifel können als behoben betrachtet werden. Es ist mir eine grosse Genugtuung mit Genehmigung Professor I. P. Pawlows hier mitteilen zu dürfen, dass auch diese Frage gegenwärtig zu ihrer Entscheidung gekommen ist.

Ich möchte nur noch einige W orte zur Technik der Ubersetzungsarbeit hinzufügen. Vor mehr als 25 Jahren lieferte ich die ersten Übersetzungen von I. P. Pawlows Reden über bedingte Reflexe. Zwecks einer leichter verständlichen Darstellung des vollständig neuen, schwer fassbaren Stoffes, hielt ich es damals für angezeigt, beschreibende Benennungen anzuwenden, daher die etwas schwerfälligen Bezeichungen: „Agentien mit hemmender Wirkung, nachwirkende Hemmung oder hemmende Nachwirkung u. dergl.“. Gegenwärtig, wo diese Reizeigenschaften und diese Prozesse nicht mehr an sich erklärt und besprochen zu werden brauchen, wo sie, im Gegenteil, als bekannt geltende Begriffe in einem fort zur Anw endung kommen, wird es schwer, sich dieser ungelenkigen Bezeichnungen zu bedienen. Das Fach verlangt seine Fachsprache! In der vorliegenden A rbeit habe ich es daher für möglich gehalten, überall verkürzte Aussdrücke, wie z. B. „Hemmer, Nachhemung u. s. w.“, einzuführen. Der Satz wird kürzer, der Inhalt leichter, fassbar. Ich halte gerade diese systematische Darstellung der bedingten Reflexe für Besonderes geeignet, diese veränderte Ausdrucksweise zu bringen, da ja hier, im systematischen Kursus jeder neue Begriff speziell besprochen und näher bestimmt wird, und erst dann der entsprechende Ausdruck zur A nw endung kommt. Auch die plumpere Wortbildung- wie: Hemmungswirkung, Hemmungsreiz u. a., habe ich durch die verkürzten Worte: Hemmwirkung, Hemmreiz u. dergl. ersetzt.

Da in vorliegender Darstellung dem Tatsachenmaterial eine spezielle Bedeutung zukommt, so habe ich, um dasselbe handlicher zu gestalten, alle Versuchsprotokolle numeriert und am Ende des Buches ein spezielles Verzeichnis der Tabellen und Versuchsprotokolle beigegeben. Ausserdem ist das Buch mit alphabetischem Register versehen.

Bei der Übertragung fremder Gedanken in eine andere Sprache entstehen, wenn genaue Wiedergabe angestrebt wird, immer gewisse Fragen, die wohl nur der richtig lösen kann, der selbst die Gedanken und Begriffe geprägt und sie ausgesprochen hat. Ich habe den Vorzug gehabt mir in allen solchen Fällen bei Professor I.P. Pawlow Rat holen zu können. Daher sei es mir gestattet, meinem hochverehrten Lehrer meinen herzlichsten Dank auszusprechen, für die Zeit und Mühe, die er solchen Beratungen geschenkt hat. Die Genauigkeit der Wiedergabe hat hierdurch ganz entschieden eine Förderung erfahren.

Professor Dr. G. Volborth.

Charkow, März 1932.